Bayer Leverkusen - SC Freiburg 2 : 0

1. Leverkusen unter Peter Bosz

Um das Spiel am Samstag richtig einzuordnen, ist es wichtig, einen kurzen Blick auf den Gegner und seinen Trainer zu werfen. Peter Bosz verfolgt unbestritten die momentan extremste Spielidee in der Bundesliga. Das ist schon am Personal und der Aufstellung zu erkennen, die er für gewöhnlich auf den Platz stellt. Ein offensives 4-3-3 (ein Sechser und zwei offensive Achter) wurde zu Beginn seiner Amtszeit von Brandt, Havertz, Bellarabi, Bailey und Volland ausgefüllt. Dahinter stand Aranguiz als spielstarker Sechser auf dem Platz. Nach der Verletzung Bellarabis gingen ihm ein wenig die offensiven Top-Spieler aus, Havertz rückte auf den Flügel und Baumgartlinger kam als Achter in die Mannschaft. Die Spielanlage mit und gegen den Ball blieb allerdings unverändert mutig. Im Spielaufbau werden die Sechser oder die manchmal zurückfallenden Achter auch dann angespielt, wenn ein gegnerischer Spieler in der Nähe ist. Die Mitspieler positionieren sich ballnah, um Dreiecke zu bilden und sich auch schon im Mittelfeld mit flachen Pässen nach vorne zu kombinieren. Auch in Ballbesitz erfordert dies einen enormen läuferischen Aufwand. Ist der Ball im Angriffsdrittel, rücken die Innenverteidiger weit in die gegnerische Hälfte auf. Einerseits werden damit Rückpässe ermöglicht, die dann auch schnell wieder nach vorne gebracht werden können, andererseits wird der Raum verdichtet, um nach Ballverlust sehr effektiv ins Gegenpressing zu gehen.

Das Ergebnis dieser Spielweise ist – zumindest in der Bundesliga – erstaunlich, gerade wenn man das schwierige Auftaktprogramm berücksichtigt. Leverkusen konnte gegen Wolfsburg, Bayern, Mainz, Düsseldorf und nun auch Freiburg gewinnen. Im ersten Spiel gegen Gladbach gab es eine sehr unglückliche Niederlage und Dortmunds „Heimdreier“ war mindestens schmeichelhaft. Besonders beeindruckend waren jeweils die Anfangsphasen gegen Dortmund und Bayern, die Leverkusen komplett dominierte. Hinzu kommt, dass sie in fast jedem Spiel deutlich mehr Ballbesitz hatten als der Gegner. Ausnahme waren die Bayern (49%), aber gegen Düsseldorf waren es sogar 84%.

Für den SC Freiburg bedeutete dies eine enorm schwierige Ausgangslage und die Möglichkeit einer hohen Niederlage in fremden Stadion.

2. Zwei Pläne des Trainerteams

Trotz dieser heiklen Situation entschloss man sich zunächst für ein etwas mutigeres 4-4-2:

-------Petersen--------Waldschmidt-----
Grifo-------------------------------Haberer
--------------Abrashi---Frantz-------------
Günter-------------------------------Kübler
---------Heintz------------Lienhart--------
-----------------Schwolow-----------------

Da der Leverkusener Sechser für den Aufbau nur selten zwischen die Innenverteidiger abkippt, konnte man Tah und Bender mit Waldschmidt und Petersen gut unter Druck setzen. Der etwas tiefer spielende Jedvaj (linker Außenverteidiger) wurde von Haberer eng verfolgt, während Grifo dann etwas tiefer bei Weiser blieb. Das Problem entstand im zentralen Mittelfeld, in dem man eine 2-gegen-3-Unterzahl hatte. Größtenteils blieben Frantz und Abrashi bei den Achtern Havertz und Baumgartlinger und der Sechser Aranguiz sollte durch den Deckungsschatten von Petersen und Waldschmidt aus dem Spiel genommen werden. (Die beiden müssen sich so zwischen den Innenverteidiger, der den Ball hat und den Sechser, der der Passempfänger sein soll, stellen, dass sie den Passweg blockieren.) Dieses Spielchen hatte ein enorm hohes Niveau. Auch wenn der Sportclub individuell in einigen Bereichen den meisten Teams unterlegen ist, so ist der Umgang mit dem Deckungsschatten der Stürmer sicherlich im oberen Drittel der Bundesliga anzusiedeln. Auf der anderen Seite gehört Leverkusen zu den wenigen Mannschaften, bei denen sich der Sechser dabei nicht seinem Schicksal fügt, einfach aus dem Spiel genommen zu werden und sich sehr gut bewegt, um angespielt werden zu können. Zusätzlich spielen die Innenverteidiger unter Bosz auch gerne riskante Pässe knapp an den pressenden Stürmern vorbei.

Nach circa 20 Minuten kam Streich wohl zum Ergebnis, dass man bei diesem Spielchen (auch wenn man es teilweise gut ausführte) unterlegen war. Zwar gab es zwei bis drei hohe Ballgewinne, aber die erste Pressinglinie wurde dann doch zu häufig umspielt, wodurch die Unterzahl im Mittelfeld zu sehr zur Geltung kam. In etwa zum Zeitpunkt der Verletzung von Bender (20-25 Minute) stellte Streich auf ein etwas sichereres 4-5-1-System um. Haberer ging ins Mittelfeldzentrum und Waldschmidt rückte auf den Flügel. (Eine Zeit lang tauschte er auch die Seiten mit Grifo.)

-------------------------Petersen-------------------------
Grifo---Abrashi---Haberer---Frantz---Waldschmidt
Günter----------Heintz--------Lienhart--------Kübler
------------------------Schwolow------------------------

Durch dieses 4-5-1 hatte man ein 3-gegen-3 im zentralen Mittelfeld hergestellt, was defensiv dann doch für etwas mehr Stabilität sorgte. Der Nachteil war, dass man nun in der ersten Linie kaum Druck aufbauen konnte. In der zweiten Halbzeit wurde das dann durch häufiges Rausrücken aus dem Mittelfeld von Abrashi auf Tah etwas besser, doch insgesamt waren die Ballgewinne deutlich tiefer als die wenigen zu Beginn des Spiels.

3. Spielverlauf

Die Anfangsphase verlief etwas unglücklich. Schon nach vier Minuten lag der Sportclub 1:0 hinten. In der dritten Minute hatte Haberer (laut meinen Notizen) einen schönen Ballgewinn, spielte dann aber den Pass etwas zu steil. Der direkte Gegenangriff über die linke Seite wurde dann gerade noch zur Ecke abgewehrt. Kübler klärte diese dann per Kopf auf den Fuß von Aranguiz, dessen Distanzschuss von Haberer noch leicht abgefälscht wurde und im Tor landete.
Im Gegensatz zu anderen Spielen hatte das frühe Tor aber nicht unbedingt einen großen Einfluss auf die Herangehensweisen der Teams. Leverkusen spielt größtenteils unabhängig vom Ergebnis einen sehr aktiven Fußball, bei Führung vielleicht mit einer Nuance weniger Risiko und Zielstrebigkeit nach vorne. Für Freiburg hingegen war es ohnehin zu früh ins Risiko zu gehen. Zu groß war die Gefahr, komplett auseinander gespielt zu werden.

In der 10. Minute kam der Sportclub einmal über links durch, verlor den Ball an Tah, gewann ihn durch Günter wieder und spielte mit drei Pässen Haberer am Strafraum frei. Sein Distanzschuss war leider zu hoch. Kurz danach kam Leverkusen aber immer besser mit dem hohen Freiburger Pressing zurecht, dass, wie Bosz zugab, die Heimmannschaft durchaus überrascht hatte. Leverkusen kontrollierte größtenteils schon vorher die Partie, wurde dann aber noch überlegener. So kam es dann auch zur Umstellung und der SC Freiburg konnte sich in die Pause retten.

Die ersten 10 Minuten nach der Pause waren dann wohl die besten aus Freiburger Perspektive. Defensiv konnte man klare Chancen verhindern und hatte offensiv sogar ein paar ganz gute Szenen. In der 49. Minute kam wieder Haberer im Strafraum zum Abschluss, welcher aber gut von Hradecky pariert wurde. Zwischen der 50. und 70. Minute ging es nur punktuell in die Leverkusener Hälfte. Ab der 70. Minute dann versuchte der Sportclub offensichtlich etwas mutiger zu spielen und hatte sogar einen Konter über den eingewechselten Niederlechner. Kurz darauf fiel dann allerdings das entscheidende 2:0, welches recht gut zu den Spielanlagen passte. Leverkusen ließ den Ball geduldig in der hintersten Linie zirkulieren, während Freiburg die Aufbauspieler zwar unter Druck setzen konnte, aber nicht an den Ball kam. Nach einigen Pässen verließ Frantz das Mittelfeld, um den Torhüter anzulaufen. Leverkusen umspielte das Pressing flach, kam schnell durch das geöffnete Mittelfeld und kombinierte sich bei Gleichzahl im gegnerischen Strafraum zum Torabschluss aus einem halben Meter. In der Pressekonferenz nach dem Spiel deutete Streich an, dass es da noch zu früh für das ganz große Risiko war und man sich in dieser Situation zu leicht locken ließ.

In den letzten 20 Minuten versuchte Freiburg längere Ballbesitzphasen zu erlangen, kam aber kaum noch entscheidend vor das Tor. Die drei Punkte gingen verdient an die Heimmannschaft.

4. Fazit

Schon vor dem Spiel war klar, dass Freiburg nicht zu viel Ballbesitz kommen würde. Die wesentlichen Faktoren waren also das Pressing und die Umschaltaktionen. Bei der Arbeit gegen den Ball kann man durchaus von einer guten Leistung sprechen. Schon im riskanteren 4-4-2, mit dem man wohl den Schwung aus dem Spiel gegen Augsburg mitnehmen wollte, gab es einige sehr gute Ansätze, die zu Ballgewinnen führten oder hätten führen können. Gerade nach dem frühen 1:0 ergab es aber durchaus Sinn, zunächst auf ein etwas stabileres System zu setzen, um die Partie möglichst lange bei dem knappen Spielstand zu halten. Dies funktionierte dann auch gute 50 lang. Gerade in Bezug auf die ersten Spiele der Rückrunde kann man positiv hervorheben, dass Freiburg defensiv ein sehr fehlerfreies Spiel bestritt, wenn man den einen Rückpass von Waldschmidt ausblendet (Chance Volland, Parade Schwolow). Als man das Risiko dann nach 70. Minuten etwas erhöhte, machte Leverkusen aber auch schnell das entscheidende Tor.

Bei den Umschaltaktionen verlor man leider etwas zu häufig und zu schnell den Ball, um wirklich von der guten Defensivleistung zu profitieren. Aber auch das ist beim starken Leverkusener Pressing nicht unbedingt eine Überraschung.

Insgesamt war es wohl einer der Spiele für Freiburg, in denen schon sehr viel hätte zusammenkommen müssen, um wirklich eine Chance zu haben. In der momentanen Verfassung des Gegners kann man diese Partie wahrscheinlich ganz gut mit der gegen Dortmund in der Hinrunde vergleichen.
Und so führen zwei nachvollziehbare gute taktische Pläne, ein relativ gut ausgeführtes Pressing und leichte Ungenauigkeiten im Umschaltspiel, zu einem akzeptablen Ergebnis gegen eine Mannschaft, die momentan einfach auf einem deutlich höheren Niveau spielt.

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