Ein Schnee-Spiel in Köln

1. Besondere Umstände

Eigentlich hatte man darauf hoffen können, dass der SC Freiburg gegen Köln seine konstruktive Spielweise durchbringen und das Spiel souverän dominieren würde. Ein verunsicherter Gegner, der am Donnerstag noch in Belgrad aus der Europa League ausgeschieden war und schon wochenlang mehr verletzte als einsatzbereite Spieler hat. Unter diesen Umständen ist selbst der Effekt eines Trainerwechsels fraglich, da er weder die Zeit hat um mit der Mannschaft zu trainieren, noch eine richtige Trainingsgruppe zusammenstellen kann, noch genug Spieler hat, die er neu in die Mannschaft werfen könnte. Da diese Situation wohl nicht bis zur Rückrunde anhalten wird, war dieser Sonntag wahrscheinlich das einzige Spiel der Saison, in dem der Sportclub sich als klarer Favorit sehen konnte.

Doch von dem Gedanken, dass der SC dieses Spiel mit Ballbesitz und hoffentlich guter Konterabsicherung über weite Phasen kontrollieren würde, konnte man sich schon vor Anpfiff verabschieden. 14 cm Neuschnee, sorgten auch noch bei dem um eine halbe Stunde verschobenen Anpfiff, für sehr schwierige Bodenverhältnisse.

Positiv stimmten einen dabei noch am ehesten die kurzen Interviews von Streich und Jochen Saier vor dem Spiel. Beide machten klar, dass es vielleicht eine ungewöhnliche Situation wäre, es aber nun darum ginge, diese anzunehmen und sich so schnell wie möglich darauf einzustellen.

2. Weniger Anpassung als erwartet

Schnell zeichnete sich ab, dass man auf diesem Boden nur wenige kontrollierte Pässe im Aufbau spielen könnte. Auch die Standfestigkeit der Spieler schien eingeschränkt zu sein. So kam es dazu, dass beide Mannschaften mit vielen langen Bällen in Richtung gegnerisches Tor arbeiteten und darauf hofften, dass irgendein Ball mal durchrutschen würde.
Die Positionierung der Spieler waren allerdings bei beiden Mannschaften so, wie man das vor dem Spiel erwartet hatte. Freiburgs Abwehrkette stand relativ weit vor dem eigenen Tor und Köln ließ sich eher zurückfallen.

Während die Freiburger in der Anfangsphase immer wieder an Kölns tief stehender Verteidigung abprallten, schaffte es der Tabellenletzte häufig, mit langen Bällen über die Außen, hinter die Abwehr zu kommen. Die Bodenverhältnisse machten es fast unmöglich in der Rückwärtsbewegung vernünftig zu verteidigen. Unglückliche Aktionen, wie das Eigentor von Stanko, waren fast schon zwangsläufig.

Nach 29 Minuten sah die Lage nicht gerade gut aus. Der SC Freiburg lag mit drei Toren zurück und Lienhart musste verletzt ausgewechselt werden. Auch die leicht aufsteigende Tendenz, mit der Umstellung auf 4-4-2 durch den Wechsel von Kleindienst gegen Schuster, schien sich mit dem dritten Gegentreffer wieder aufzulösen. Durch die Erfahrungen in dieser Saison konnte man sich in etwa vorstellen, wie das Spiel ablaufen würde: Freiburg bekommt zwar etwas mehr Platz, macht eigentlich ein ganz gutes Spiel, kassiert dann aber noch einen Konter, da man zu hoch steht und verliert am Ende mit vier Toren. Das Gute dabei war, dass man sich um die Tordifferenz schon seit längerem keine Gedanken mehr machen muss.

3. Es hört auf zu schneien

Dass der SC Freiburg aus einem 3:0 ein 3:4 machte, ergab sich aus verschiedensten Faktoren. Eine Voraussetzung war die schon angesprochene Systemumstellung zum 4-4-2, mit der Einwechslung von Kleindienst. Die Idee dahinter war recht einleuchtend. Etwas mehr Offensive als Reaktion auf den Rückstand und ein großer Spieler, der die langen Bälle festmachen sollte. Diese Rechnung ging aber nur teilweise auf. Zwar erzeugte der zusätzliche Spieler etwas mehr offensive Wucht, doch im Gegensatz zu Guirassy, der praktisch jeden langen Ball festmachen und ablegen konnte, füllte Kleindienst alleine diese Rolle nicht perfekt aus.

Wären die Bedingungen weiterhin so schlecht geblieben, hätte das wohl nicht ganz gereicht. Dass die Umstellung eben auch nicht ganz ohne Risiko gewesen war, zeigte das 3:0. Die Situation entstand durch einen langen Ball, der Stenzel durchrutschte. Da der dritte absichernde Innenverteidiger fehlte, kam Rausch sehr frei zu seiner Flanke. Das Eigentor war natürlich sehr unglücklich, aber es wurde deutlich, dass die Viererkette bei langen Bällen Probleme bekommen könnte. Trotzdem verbesserte sich das Offensivspiel und der Sportclub konnte noch einen sehr sehenswerten Treffer durch einen Volleyschuss von Petersen vor der Pause erzielen.

Der wohl wichtigste Faktor für das Freiburger Comeback waren die verbesserten Platzbedingungen. Mit der Möglichkeit flache Pässe zu spielen, konnte Freiburg tatsächliche Spielkontrolle übernehmen. Übrigens fügte sich Kleindienst, der insgesamt ein sehr gutes Spiel machte, in der Rolle als Abnehmer flacher Pässe, Teilnehmer an Kombinationen und einstartender Stürmer deutlich besser ein, denn als Wandspieler.
Zusätzlich zu den verbesserten Platzverhältnissen, machte sich aber auch das Europapokal-Spiel der Kölner mit fortschreitender Spielzeit bemerkbar.

Köln ließ Freiburg Platz im Mittelfeld und Freiburg zeigte, dass sie etwas damit anfangen können. Der Aufbau gestaltete sich gewohnt flexibel. Mit langen flachen Pässen auf zurückfallende Offensivspieler, der Spieleröffnung durch die Außenverteidiger, Dribblings im Mittelfeld und eingestreuten hohen Bällen auf Kleindienst und Petersen. Im letzten Drittel war, wie so häufig, nicht alles perfekt beim Sportclub, doch gerade Ravet zeigte sich hier als belebendes Element. Man spielte sich ein paar Chancen und vor allem viele Standardsituationen heraus. Diese wurden ebenfalls von dem Neuzugang aus Bern getreten, der das erstaunlich gut machte.

Der Rest des Spiels ist schwierig zu analysieren. Es müsste klar sein, dass, auch wenn Freiburg den Druck erhöhen konnte, die drei Punkte keine Zwangsläufigkeit darstellte. Bis zur 60. Minute kam Köln noch zu Kontern und hätte das 4:1 schießen können.
Und auch die Freiburger Tore kamen eher kurios zustande. Schon der erste Strafstoß ist ein Geschenk des Kölners Özcan, der ähnlich unglücklich agierte, wie Schuster in der 14. Minute. Das Handspiel von Guirassy, der 60 Minuten lang ein fantastisches Spiel machte, ist eigentlich nicht zu erklären.
Vielleicht hat es etwas mit Nervenstärke zu tun, dass Petersen die beiden Strafstöße nicht vorbeischießt. Aber man muss auch zugeben, dass sie weder besonders platziert, noch besonders stark geschossen waren. Hätte Horn die Ecke geahnt, hätte er beide Strafstöße halten können.

Andererseits hätte sich der Freiburger Sturmlauf auch schon früher auszahlen können, da es zu einigen guten Chancen kam. Es ist aber auch keine große Neuigkeit, dass es gerade in einzelnen Spielen häufig um sehr kleine, fast schon zufällige Situationen geht, die in diesem Fall darüber entscheiden, ob es ein unglückliches 3:2, nur ein 3:3, oder ein 3:4 schon in der 80. Minute wird. Abschließend ist der Freiburger Sieg nicht unverdient.

Die Haupt-Faktoren für das Freiburger Comeback:

1. Umstellung auf 4-4-2.
2. Verbesserte Platzbedingungen ermöglichen Spielkontrolle.
3. Nachvollziehbare Fitnessprobleme einer Mannschaft, die seit längerem mit etwa 15 Seniorenspielern im Europapokal spielt.
4. Ein SC Freiburg, der gerade bei Rückständen, dass Risiko erhöht, was nach Leipzig, Leverkusen und Bayern endlich mal funktioniert hat.

4. Ungewohntes Spiel mit gewohnten Auffälligkeiten

Obwohl das Spiel unter besonderen Bedingungen stattfand und eine Eigendynamik entwickelte, die sich nicht so schnell wiederholen wird, konnte man die ganz typischen, sich teilweise gegenseitig bedingenden Stärken und Schwächen der Freiburger Spielanlage entdecken.

Nach wie vor bekommt die hoch stehende Freiburger Abwehrkette, in unübersichtlichen hektischen Situationen, Probleme. Diese entstehen meistens dadurch, dass man nach einem langen Ball des Gegners in eine Rückzugsbewegung gezwungen wird. Mit all den Stärken, die die Freiburger Abwehrspieler Stenzel, Koch, Lienhart, Schuster, Söyüncü, Stanko, Kempf oder Günter haben, haben sie alle schon ihre Ausrutscher bei hohem Druck oder Schnellangriffen des Gegners gehabt. Dieses Element kam auch in diesem Spiel bei allen drei Gegentoren zum Vorschein.

Andererseits ist es gerade die hoch stehende Abwehrkette, die Freiburgs spielerisches Potenzial zur Geltung bringt. Der Weg zum letzten Drittel wird in praktisch allen Spielen sehr gut gefunden. An Situationen, die gefährlich werden könnten, mangelt es nicht.
Das Problem dabei ist, dass aus diesen Situationen nicht genug entsteht und die vorletzte oder letzte Entscheidung häufig besser getroffen werden könnte. In diesem Spiel sah es etwas besser aus, trotzdem resultierten alle vier Treffer aus Standards.

Dies war allerdings ein Unterschied zu den Spielen zuvor. Ravets Standards waren sehr gut getreten, wurden aber auch von den Kölnern nicht besonders gut verteidigt.

Eine Analyse dieses Spiels, kann natürlich nicht ohne ein großes Lob an Petersen bleiben, der ohnehin in den letzten Spielen eine steile Entwicklung durchgemacht hat und seine neue Rolle als Stammspieler rechtfertigt.

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