Entwicklungen zur kommenden Saison (Teil 1)

1. Das Mosaik der Perspektiven auf den Fußball

Der Saisonstart 2017/18 rückt immer näher. Und wieder hat man das Gefühl, dass eine Prognose für dieses Jahr noch schwieriger aufzustellen ist, als die Jahre zuvor. Vielleicht entsteht dieses Gefühl auch dadurch, dass man mit den verschiedensten spezialisierten Blogs und Podcasts, die aus dem Boden sprießen, deutlich mehr Ebenen in die Betrachtung einer Saison einfließen lässt als früher. Zusätzlich verbreitert sich auch das Angebot der etablierten Medien. Statt einer einfachen Dominanz der herkömmlichen Themen, wie die schönsten Tore, Skandale und Spielerfrauen, geht es heute auch um Übertragungsrechte, Taktik, Kaderzusammenstellung, Trainer, Sportdirektoren, das Verhältnis von Fans und Verein, das Verhältnis von Trainer und Spieler, Finanzielles, internationale Konkurrenz, Fanthemen, Kommerzialisierung, Politik und Fußball, Kleidungsstil der Fußballer und durch „Collinas Erben“ setzt man sich sogar noch mit Schiedsrichtern und Regelkunde auseinander. Nicht, dass all diese Themen wirklich neu wären, allerdings sind sie nun alle zeitgleich präsent. So gab es Ende der 80-er noch einen klaren Umschwung von der biederen und fachmännischen „Sportschau“ zur Unterhaltungssendung „Anpfiff“ auf RTL, der erheblichen Einfluss auf die gesamte Berichterstattung über den Fußball zur damaligen Zeit hatte. Heute existieren von „Spielverlagerung.de“ bis zur selbstironischen Plattform „Fussballer, die den Swag aufdrehen“, praktisch alle möglichen Beiträge rund um das Thema Fußball gleichzeitig. Recht unabhängig von dem Übertragungsstil von Sky, Eurosport, DAZN, Bild, ARD oder ZDF.

Diese Entwicklung scheint dabei eine allgemeinere Tendenz widerzuspiegeln. Gesellschaft insgesamt ist fast nicht mehr als ein fester und einheitlicher Gegenstand zu fassen, den man analysieren (oder auch kritisieren) könnte. Ohne allgemein anerkannte gesellschaftliche Institutionen fällt eben auch der positive oder negative Bezug auf diese weg. Ebenso streben die Perspektiven auf den Fußball so vielfältig auseinander, dass es Mühe kostet, wieder ein ganzes Bild daraus zu machen. Dadurch bleibt es immer unsicher, ob man sich gerade mit einem wesentlichen Punkt auseinandersetzt oder eine eigentlich marginale Tendenz maßlos überschätzt.
Damit keine Missverständnisse auftreten sei noch explizit gesagt, dass diese Tendenz auf der gesellschaftlichen Ebene tatsächlich ein großes Problem darstellt. Für die Freizeitbeschäftigung Fußball aber – so wichtig sie manche auch nehmen – bringt das Überangebot an Perspektiven, die diese sehr willkürlich machen, eher Vorteile. Gerade die Diskussion darüber, welche Faktoren des Fußballs die entscheidendsten für eine Prognose oder Analyse sind, halte ich für eine hervorragende Form der Zerstreuung.

2. Die allgemeinen Veränderungen der Saison 2017/18

Es gibt wohl vor allem zwei Veränderungen in der kommenden Saison, deren Ursprung außerhalb der Vereine liegt, aber alle Bundesligisten und Zuschauer betreffen. Das Erste, womit man sich in der neuen Saison gezwungenermaßen abfinden muss, ist die Veränderung der Anstoßzeiten. Dabei bahnt sich wohl auch die Tendenz der Zersplitterung ihren Weg. An zehn Spieltagen wird es entweder ein Montagsspiel oder drei (statt zwei) Sonntagsspiele geben. Der Samstagstermin um 15:30 Uhr verliert somit langsam seine besondere Stellung und mit ihm auch die Sportschau, in der nun häufiger nur das Freitagsspiel plus vier weitere Bundesligaspiele zusammengefasst werden können. Zeitgleich verbessert sich wohl das on-demand Angebot für Spielzusammenfassungen. Ohne einen zu frühen Abgesang auf die Sportschau anstimmen zu wollen, sah ihre Zukunft schon einmal rosiger aus.
Zudem wird es sehr interessant, wie sich die Montagswochen auf die Podcastszene auswirken werden. Es wäre wirklich sehr schade, wenn man die Spieltage nicht mehr im Ganzen besprechen kann, da am Montagabend noch Bundesliga und am Dienstag schon Champions League läuft.

Andererseits kommt die leicht ansteigende Masse der Einzelübertragungen denjenigen entgegen, die sich so viele Einzelspiele wie möglich anschauen möchten. Einige haben wahrscheinlich länger schon auf die Konferenz verzichtet und schauen sich nur noch ausgewählte Spiele an. Für diese Zielgruppe verbreitert sich einfach das Angebot an Fußball und ermöglicht das Ausblenden von uninteressanten Spielen, die man sich nur kurz in der on-demand Zusammenfassung anschaut. Die Tendenz geht zur individuellen Zusammenstellung der Sportereignisse, die es natürlich mit sich bringt, dass bis auf die Highlights nicht mehr alle das Gleiche zum selben Zeitpunkt sehen. Die Bewertung dieser Entwicklung bleibt wohl weiter recht uneindeutig und subjektiv.

Die neuen Anstoßzeiten betreffen allerdings nicht nur Berichterstattung und Fans, sondern haben ebenfalls ihren Einfluss auf die Trainingswoche der Bundesligisten. Auch wenn es hoffentlich kein Team geben wird, das erst montags und dann freitags spielen muss, fordern die neuen Termine eine gewisse Zeit an Gewöhnung. Als der SC Freiburg in die zweite Bundesliga abgestiegen war, sprach Christian Streich häufiger davon, dass es etwas problematisch ist um 13:30 Uhr zu spielen, da die Spieler um diese Uhrzeit eigentlich zu Mittag essen würden. Die Trainingszeiten mussten der neuen Situation angepasst werden. Höchstwahrscheinlich wird der Abendtermin am Montag ähnliche Auswirkungen haben. Mit den sieben potentiell verschiedenen Anstoßzeiten und somit den mal sechs, mal sieben Tagen, mal acht Tagen Pause werden sich die Vereine Woche für Woche einen neuen Trainingsplan aufstellen müssen. Das ist natürlich keine neue Entwicklung, aber es erfordert noch mehr Flexibilität der Trainer, Spieler und Zuschauer als die Jahre zuvor.

Die zweite große Veränderung der nächsten Bundesligasaison ist der Videobeweis. Beim ersten großen Test während des Confed Cups gab es noch kleinere Probleme. Diese könnten aber zum großen Teil auf Verständnisschwierigkeiten der internationalen Zusammensetzung zurückzuführen sein. Sich während einer Drucksituation bei Stadionlärm auf Englisch mit einer Person zu unterhalten, die man nicht gut kennt und nicht sehen kann, ist eine recht neue Anforderung für Schiedsrichter. Dieses Problem wird in der Bundesliga höchstwahrscheinlich nicht auftreten.
Vielmehr könnten sich dafür technische Schwierigkeiten einschleichen. Obwohl man zugeben muss, dass sich diese Angst bei der Einführung des Hawkeyes als unbegründet herausstellte, gibt es nun mit mehreren Bildschirmen, Programmen und Funkgeräten nochmal einiges mehr an potentiellen technischen Fehlerquellen, die für Verwirrung sorgen könnten. Es wird sich wohl erst einspielen müssen, ob man bei möglichem Versagen der Technik ein Spiel pausiert oder einfach ohne Videoassistenten weitermacht.
Aber abgesehen von diesen und anderen Kleinigkeiten wird der Videobeweis allem Anschein nach recht gut funktionieren. Das einzige Problem, das bei diesen technischen Neuerungen wohl bleiben wird, ist die Verbreiterung der Kluft zwischen höheren und niederen Fußballligen. Noch gibt es den Videobeweis nur in der Bundesliga. Doch er wird mit hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten Jahren auch in die verschiedenen Profiligen Europas und die internationalen Wettbewerbe eingeführt werden. Somit gibt es neben dem spielerischen Niveau, dann auch eine technische Trennlinie zwischen hochklassigem Fußball und dem, was der Rest so betreibt.

 

 

Demjenigen, der mehr zum Videobeweis und allgemein zur Schiedsrichterei erfahren möchte, sei natürlich „Collinas Erben“ empfohlen.

 

 

Es wird in Kürze ein zweiter Teil erscheinen. Dieser wird Prognosen zum SC Freiburg und den 17 anderen Vereinen enthalten.

Kommentare

Autor

Die Metapher, dass die Masse der Perspektiven ein Mosaik bilden würde, ist Quatsch. Zwar besteht ein Mosaik aus vielen Einzelteilen, doch entsteht daraus eben ein vollständiges, klares und geplantes Bild. Ich wollte genau das Gegenteil behaupten. Ein einheitliches Bild ist immer schwerer zu erkennen.

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