FC Energie Cottbus - SC Freiburg 5:7 n.E.

Information: Die Spieler des FC Energie Cottbus dürfen laut Duden „Cottbusser“ oder auch „Cottbuser“ genannt werden. Beides spricht man mit einem stimmlosen „s“. Die Bezeichnung „Kottbusser“ ist veraltet.

Über die Aussagekraft von DFB-Pokal-Spielen lässt sich sehr gut streiten. Der Gegner ist unterklassig (hier: 3. Liga) und kann dem Bundesligisten nur selten spielerisch etwas entgegensetzen. Sein Vorteil liegt darin, dass seine Saison schon einige Wochen früher begann, während der Gast (Freiburger sollten den Heimvorteil nicht vergessen) sein erstes Pflichtspiel bestreitet, sich also praktisch noch in der Vorbereitung befindet.

Aufgrund dieser Besonderheiten wird sich diese erste Spielanalyse etwas von den anderen unterscheiden, sich weniger direkt am Spielverlauf orientieren, als vielmehr einzelne Aspekte hervorheben und interpretieren – mehr als Interpretation ist nach erst einem Spiel wohl ohnehin nicht möglich.

1. Der Gegner

Der FC Energie Cottbus, Ausbildungsverein von Tim Kleindienst und wichtige Durchgangsstation von Nils Petersen (2009-2011), ist letztes Jahr von der Regionalliga Nordost in die 3. Liga aufgestiegen. Sie unterscheiden sich von anderen Drittligisten insbesondere dadurch, dass ihr Kader im Vergleich zu letztem Jahr kaum Veränderungen aufweist. Nur 5 Abgänge und 2 Zugänge sind in der 3. Liga eine Besonderheit. Kaiserslautern hatte jeweils über 20 Zu- und Abgänge, der Karlsruher SC 15 und 12 und Hansa Rostock jeweils 14. Man hatte es also mit einer vergleichsweise eingespielten Truppe zu tun. Die fehlende Qualität der Spieler wurde dann vor allem beim Pass hinter die letzte Freiburger Linie sichtbar, dessen Scheitern so gut wie alle möglichen Kontersituationen beendete. Defensiv und Kräftemäßig war Cottbus allerdings recht stark, konnte auch noch in der Verlängerung dem Ball hinterherlaufen (Ballbesitz 32%) und hatte in den Schlussminuten eigentlich die beste Phase. Für das Weiterkommen sollte es allerdings trotzdem nicht reichen.

2. Der Spielverlauf (kurz)

Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase kam der SC Freiburg recht gut ins Spiel, brachte den Ball häufig in halbwegs gefährliche Räume, erspielte sich Chancen und Standards und ließ praktisch keine Konter zu (auch wenn das häufig an der Ungenauigkeit der Cottbusser lag). Ab der circa 25. Minute verlagerte sich das Spiel allerdings immer mehr ins Mittelfeld.
Gleich nach der Pause erzielte Cottbus den Führungstreffer mit dem ersten Schuss auf das Freiburger Tor. Am Spiel veränderte das zunächst wenig. Der Sportclub war weiterhin dominant und spielte sich auch weiterhin Chancen heraus – wenn auch nicht allzu viele. Im Laufe der Schlussphase wechselte Streich immer offensiver, brachte sogar Kleindienst für Gulde und Freiburg operierte immer häufiger mit langen Bällen direkt in die Spitze. Es war eben auch so ein langer Ball von Stenzel, den Kleindienst sehenswert auf Frantz ablegen konnte, welcher dann in der 91. Minute den Ball unter die Latte wuchtete. Ausgleich. In der Verlängerung stellte Streich auf ein 3-4-3 um, was zu Beginn reibungslos funktionierte. In der 99. Minute bekam der SC einen Strafstoß zugesprochen, den Petersen erst im Nachschuss verwandelte. In den verbliebenen circa 20 Minuten hatte Cottbus seine beste Phase, erzielte den Ausgleich und verbuchte sogar danach noch einige weitere Chancen für sich. So richtig gefährlich wurde es aber vor beiden Toren nicht mehr und es kam zum Elfmeterschießen nach 120 Minuten.
Es war schon recht auffällig, dass bis auf einen alle acht Elfmeter sehr gut geschossen waren und die beiden Torhüter wenig Chancen hatten, diese zu parieren. Nur der Cottbusser Kruse setzte seinen Strafstoß über das Tor, wodurch Freiburg in die zweite Pokalrunde einziehen konnte.

3. System und Aufstellung

Streich begann mit dem 4-4-2 aus der Vorbereitung und dem letzten Testspiel. Allein die Position neben Höfler musste aufgrund der Verletzung Haberers (Innenbandanriss im Knie bei Haberer (Freiburg). Bundesliga-Ø sind 49,1 Tage Pause. Quelle: @fbinjuries (Twitter)) mit Gondorf neu besetzt werden.

-------Petersen--------Niederlechner--------
Frantz----------------------------Waldschmidt
-------------Höfler--------Gondorf--------------
Günter------Heintz-------Gulde-----Stenzel
-------------------Schwolow---------------------

Die Frage, die im Raum stand – und immer noch ein bisschen steht – war, ob der SC Freiburg in der kommenden Saison fast ausschließlich in diesem System spielen wird. Nach dem Aufeinandertreffen mit Cottbus kann man zumindest festhalten, dass die Mannschaft von Streich in der Lage ist, andere Formationen (3-4-3) mit sehr ungewohnten Besetzungen zu spielen.

-----Höler-------Petersen-------Kleindienst-----
Günter-----Terrazzino-----Gondorf-----Frantz
----Heintz-----------Höfler--------Stenzel--------
---------------------Schwolow-----------------------

Man kann davon ausgehen, dass diese Aufstellung nicht unbedingt vorgeplant war, sondern sich aus der Situation heraus ergeben hatte. Um den Ausgleich zu erzielen, musste offensiv gewechselt werden. Waldschmidt, Niederlechner und Gulde verließen den Platz, Terrazzino, Höler und Kleindienst wurden eingewechselt. In der Verlängerung selbst sollte aber ein stabiles System mit den ganzen offensiv ausgerichteten Spielern stehen.
Damit hätte der SC Freiburg schon früh in der Saison ein großes Maß an Flexibilität bewiesen, da man nicht das Gefühl hatte, die Spieler wüssten nicht, was sie in dem anderen System zu tun hätten.

4. Spielaufbau

Aufgrund des eher tieferen Pressings der Cottbusser, musste Höfler zunächst nicht zwischen die beiden Innenverteidiger zurückfallen, sondern konnte den zentralen Raum vor ihnen besetzen. Wie so häufig blieb Stenzel etwas tiefer als der hochschiebende Günter und wurde so auch stark in den Aufbau mit einbezogen. Dies führte zu Beginn noch zu kleineren Problemen. Offensichtlich war der Pass auf den Außenverteidiger für den Gegner ein Pressingauslöser (typisch, da der Außenverteidiger nur in drei statt in vier Richtungen spielen kann). Da Stenzel – im Gegensatz zu Günter – den Ball nicht nur zurückspielen, sondern das Spiel von der Außenverteidigerposition mit auslösen sollte, konnte er gut vom Gegner unter Druck gesetzt werden. Mit der Zeit passte er sich der Situation aber immer besser an und erkannte auch, wie viel Zeit er am Ball haben würde, wann er eine Aktion starten konnte und wann er den Ball schnell wieder zurückgeben musste.
Neben diesem kleineren Problem (selbstverständlich dann ein großes, falls ein Tor gefallen wäre) stach besonders ein Merkmal des Freiburger Aufbaus heraus. Es wurde sehr viel mit langen diagonalen Bällen auf die Außen gearbeitet. Von links nach rechts spielte Heintz auf Waldschmidt oder den aufgerückten Stenzel, von rechts nach links kam der Ball von Stenzel auf Günter. Heintz wie auch Stenzel spielten beide genau 26 lange Bälle, von denen bei beiden jeweils 19 Bälle beim Mitspieler ankamen. Die diagonalen Bälle waren also größtenteils erfolgreich und brachten den Abnehmer häufiger in Situationen mit relativ viel Platz, den diese leider nur selten zu nutzen wussten.
Im 3-4-3 wiederum wurde meistens flach über die Außen aufgebaut. Zuvor hatte sich Cottbus stark auf die breiten Verlagerungen eingestellt, standen insgesamt etwas mittiger, wodurch der einfache Passweg vom rechten/linken Innenverteidiger auf den ballnahen Außenverteidiger meistens offen und dahinter nicht richtig abgesichert war.

Der Freiburger Aufbau scheint somit etwas anders zu sein als letzte Saison, in der es zwar auch häufiger lange Bälle gab, die aber meistens nicht auf die Außen, sondern zentral auf den Stürmer gespielt wurden. Die neue Variante ist kontrollierter, da der Außenspieler mehr Platz hat, den Ball einfach annehmen kann und nicht in ein Kopfballduell mit einem Innenverteidiger muss. Wie häufig der Sportclub versuchen wird, flach über das Zentrum aufzubauen, wird sich erst in der Zukunft zeigen.

5. Das letzte Drittel

Das größte Problem der letzten Saison war es, nach gelungenem Aufbau/ Umschaltspiel im letzten Drittel auch wirklich zu Torchancen zu kommen. Auch in diesem Spiel hatte der SC damit noch Probleme, half sich häufig mit Halbfeldflanken und hatte noch einige Ungenauigkeiten im Kombinationsspiel. Ansätze waren aber zu erkennen. Insbesondere Waldschmidt, der sich häufig ohne Ball ins Zentrum bewegte, um dort anspielbar zu sein, machte auf sich aufmerksam. Bei einem Einwurf in der 22. Minute konnte man dann über die Außenmikrofone hören, wie Streich Waldschmidt sagte, er solle etwas breiter bleiben. Streichs Ansage hatte Wirkung. Der junge Neuzugang blieb häufiger an der Seitenlinie, wurde dort angespielt und zog dann mit dem Ball in die Mitte. Diese Korrektur könnte man als durchaus exemplarisch bezeichnen. Die genaue Abstimmung wer sich wann wo wie verhält, ist noch ausbaufähig, in Ansätzen aber durchaus vorhanden. Man arbeitet offensichtlich daran.

Folgendes ist eher eine These und müsste weiter diskutiert werden:
Nachdem Sven Metzger (@Zugzwang74) schon im Füchsletalk und später auch auf Twitter vorsichtig infrage gestellt hat, ob das Sturmduo Petersen/Niederlechner in dieser Saison häufiger zu sehen sein wird, wollte ich mir das beim Pokalspiel etwas genauer anschauen. Das Problem dabei war, dass die Kameraführung den Fokus auf die beiden nicht immer zuließ. Man hatte aber den Eindruck, die Abstimmung würde gerade hier nicht so gut funktionieren. Der Streichsche Doppelsturm ist ja allgemein eher darauf ausgelegt, dass einer die Position hält und der andere sich weiträumig bewegt, ausweicht, sich zurückfallen lässt oder in die Tiefe startet. So kann der fehlende Zehner im System ersetzt werden. Eben das ist aber weniger passiert und auch nicht unbedingt die passende Rolle für Niederlechner, der sich mit seinen Haken im Strafraum sehr gut in Abschlusspositionen bringen kann, aber weniger ein Verbindungsspieler ist. Waldschmidt musste auch häufiger in die Mitte ziehen, um genau dies zu kompensieren, wodurch der rechte Flügel dann aber unbesetzt blieb.
Was für das Sturmduo spricht, ist die Arbeit gegen den Ball, gegen Cottbus noch nicht so sehr vonnöten, aber prinzipiell zentrales Element im Freiburger Spiel. Niederlechner und Petersen sind gemeinsam mit Haberer wahrscheinlich die besten Spieler in puncto Anlaufverhalten in der vordersten Reihe. Eine klare Antwort auf die Frage nach der Besetzung der Doppelspitze scheint somit schwierig und ist auch davon abhängig, wer alles fit ist, ob Haberer im zentralen Mittelfeld oder Waldschmidt auf rechts gebraucht wird. Zudem kommt noch der Name Kleindienst ist Spiel, der nach seiner Einwechslung eine gute Leistung zeigte. Was seine Ballsicherheit angeht, scheint er Fortschritte gemacht zu haben und das Timing beim Kopfball gepaart mit seiner Körpergröße war durchaus auffällig. Damit wäre er potenziell ein Stürmer, der lange Bälle festmachen oder weiterleiten und ein paar Flanken verwerten könnte. Der SC Freiburg hat somit drei relativ unterschiedliche Stürmertypen: den Knipser Petersen, den Wühler Niederlechner und den Herr der Lüfte (mit einem Augenzwinkern) Kleindienst. Das ist eigentlich nicht so schlecht in einer Liga, in der einige Mannschaften ein Stürmerproblem haben. Bleibt nur die Frage wen man wann mit wem gemeinsam einsetzt.

6. Die Abwehr

Wie gesagt, über das Freiburger Pressing kann man nach diesem Spiel nur wenige Aussagen treffen, da Cottbus nur selten den Ball zwischen den eigenen Innenverteidigern zirkulieren ließ. Auffällig waren allerdings die beiden Gegentreffer. Das 1:0 wurde durch einen langen diagonalen Ball eingeleitet. Dieses Mittel macht dem stark auf eine Seite schiebenden SC Freiburg häufiger Probleme, wird aber meistens durch schnelles zuschieben kompensiert, falls der Gegner etwas zögern sollte. In diesem Fall reagierte Freiburg allerdings deutlich zu behäbig, wodurch der Außenverteidiger Startsev im Strafraum anspielbar wurde. Seine Hereingabe konnte dann zwar nicht direkt verwertet werden, doch dafür der Nachschuss.
Das zweite Tor war dann weniger auf mangelnde taktische Disziplin zurückzuführen, sondern eher auf eine Reihe unglücklicher Abwehraktionen. Alle Mitglieder der ungewohnten Dreierkette (Höfler, Stenzel und Heintz) verfehlten nacheinander den Ball beim Dribbling des Torschützen Viteritti.
Einerseits ließ der SC Freiburg insgesamt recht wenige Chancen zu, verteidigte den ein oder anderen Konter souverän und stellte den Stürmer häufiger ins Abseits, andererseits sah die Abwehr bei den beiden Gegentreffern tatsächlich nicht besonders gut aus.

7. Schluss

Aus dem Spiel lassen sich nicht besonders viele oder eindeutige Erkenntnisse ziehen. Wie sicher die Abwehr und wie durchschlagskräftig der Angriff ist, wird sich erst nach ein paar Bundesligaspielen zeigen. Auffällig waren die vielen diagonalen Bälle im Aufbau, die Weiträumigkeit von Waldschmidt und das eher unauffällige Spiel von Petersen/Niederlechner, denen die Anbindung größtenteils fehlte. Ansonsten kann man sich über die zweite Runde im Pokal und auf den kommenden Start der Bundesliga freuen. Das Spiel gegen die Frankfurter, bei denen das Umfeld schon früh in der Saison etwas unruhig scheint, wird vielleicht mehr Aufschluss über die Freiburger Stärken und Schwächen bringen.

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