Letztes Zwischenfazit

1. Bestandsaufnahme

Drei Viertel der Bundesligasaison 2017/18 sind gespielt und es wird Zeit für ein letztes Zwischenfazit vor der entscheidenden Phase der Saison. Der SC Freiburg liegt nach dem 25. Spieltag mit 29 Punkten auf dem 13. Tabellenplatz. In den letzten 13 Spielen musste der Sportclub nur zwei Niederlagen (Hannover, München) hinnehmen. Als Verein mit dem niedrigsten Etat der Bundesliga kann man durchaus von einer sehr erfolgreichen Zwischenbilanz sprechen.

Und trotzdem gibt es ein Thema, dass den Freiburgfan umtreibt. Es ist das spielerische Niveau der Offensive. Die Kritik daran ist nicht besonders scharf, da man wie gesagt insgesamt eher zufrieden ist. Auch der Vergleich zur letzten Saison ist nicht ganz fair, da es sich dabei um eine Ausnahme handelte und doch hilft dieser wahrscheinlich das Problem zu erklären.

25. Spieltag der Saison 2016/17: 8. Platz, 35 Punkte, Tordifferenz 32 : 42.
25. Spieltag der Saison 2017/18: 13. Platz, 29 Punkte, Tordifferenz 25 : 42.

Der Vergleich ist auch deshalb nicht optimal, da die jeweils vier Gegentore gegen Leipzig und Bayern nach dem 25. Spieltag den 2017-Freiburgern noch bevorstanden. Diesen Fakt miteinbezogen hat sich Freiburgs Defensive sogar eher leicht verbessert. Die Anzahl der geschossenen Tore ist damit allerdings nicht zu erklären. Sieben Treffer weniger stellt eine klare Verschlechterung im Vergleich zur Vorsaison dar. Noch gravierender ist der Unterschied, wenn man die Tore nach Standardsituationen herauslässt. Traf der Sportclub letzte Saison dabei noch 0,82 mal pro Spiel, sind es in dieser Saison nur noch 0,4 Treffer pro Partie aus dem laufenden Spiel heraus, also weniger als die Hälfte.

2. Erklärungsversuch

Demjenigen, der regelmäßig die Pressekonferenzen Streichs verfolgt, ist das nicht neu. Seit der Winterpause spricht der Freiburger Trainer immer wieder davon, dass es dem SC schwerfällt, Tore aus dem Spiel heraus zu erzielen. Er benennt auch immer wieder die Zone, in der das Problem entsteht. Es geht um die Genauigkeit letzten Drittel beim letzten oder vorletzten Pass.

Einschub: Der Versuch die schwächere Offensive über das System zu erklären bleibt problematisch. Die 5-2-3-Formation, die in dieser Saison vermehrt zum Einsatz kommt, hat zwar tatsächlich einen offensiven Spieler weniger als die typische 4-4-2-Formation, gleicht dies aber durch die defensive Entlastung für die beiden Außenverteidiger wieder aus. Ein Stürmer fällt zwar weg, aber zwei halbe Flügelspieler kommen hinzu. Die beiden äußeren vorderen Spieler im 5-2-3 werden etwas Stürmerartiger als die Flügelspieler im 4-4-2. Die beiden Systeme sind unterschiedlich, aber nicht als offensiver und defensiver zu beschreiben.

Führt man das „Offensivproblem“ also größtenteils auf die Genauigkeit im letzten Drittel zurück, liegt der Gedanke nicht fern, auf das Personal zu schauen. Schon vor Saisonstart war klar, dass es nicht leicht wird die Abgänge von Grifo und Philipp zu ersetzen. Erschwert wurde diese Aufgabe noch durch die Verletzung von Niederlechner, der in dieser Spielzeit wohl keinen Einsatz mehr erhalten wird. Der Blick auf die Zahlen von 2016/17 untermauert diese These:

Ich habe mich für folgende Indikatoren des Offensivspiels entschieden: Tore, Vorlagen, Schlüsselpässe pro Spiel (KeyP), erfolgreiche Dribblings pro Spiel (Drb) und Schüsse pro Spiel (SpG). Es ist klar, dass solche Zahlen immer in den Kontext gestellt und diskutiert werden müssen. Dazu sind alle herzlich eingeladen.

Grifo: 6 Tore, 11 Vorlagen, 2,4 KeyP, 1,2 Drb, 2,8 SpG.
Philipp: 9 Tore, 6 Vorlagen, 1 KeyP, 1,4 Drb, 2,1 SpG.
Niederlechner: 11 Tore, 2 Vorlagen, 0,5 KeyP, 1,4 Drb, 2,3 SpG.

Die beiden Einzigen, die letzte Saison mit diesen Zahlen mithalten konnten, waren Haberer und Petersen (als Joker). Wie oben beschrieben, war klar, dass es für den SC Freiburg keinen gleichwertigen Ersatz für die beiden Abgänge geben würde. Gerade Philipp war mit seiner Handlungsschnelligkeit wie gemacht für die hängende Spitze oder wie Streich es nennt: als schwimmender Neuneinhalber.

Hinzu kamen Probleme bei den Transferverhandlungen. Das Interesse an folgenden Spielern gilt als recht wahrscheinlich: Ünder (AS Rom), Gregoritsch (Augsburg), Bebou (Hannover) und Waldschmidt (Hamburg).
Fans sollten sich bei der Bewertung von Transferphasen allgemein zurückhalten. Es ist zu undurchsichtig, wie die Verhandlungen ablaufen. Ob eine Vereinbarung am Spieler, am abgebenden Verein, dem konkurrierenden Verein, an mangelndem Verhandlungsgeschick oder zu wenig Risikobereitschaft scheitert, kann man ohne größere Einblicke nicht sagen. Vereinsverantwortlichen Vorwürfe zu machen, dass es mit den genannten Spielern nicht funktionierte, ist genauso abwegig wie sie kategorisch von allen potenziellen Fehlern freizusprechen.

Allerdings zeugt das Interesse an diesen Spielern von einem weiterhin gut funktionierendem Scouting. Ünder setzt sich momentan bei einem Championsleague-Teilnehmer durch, Gregoritsch hat bereits 11 Scorerpunkte gesammelt und gerade Bebou wäre wahrscheinlich ein guter Ersatz für Grifo geworden.
Bebou: 7 Tore, 2 Vorlagen, 1,5 KeyP, 2,2 Drb, 1,9 SpG.

Keiner dieser Spieler konnte verpflichtet werden. Doch man schien recht gut vorbereitet zu sein. Auch wenn es einige Rückschläge gab, stand man am Schluss nicht ganz mit leeren Händen da. Vergleichsweise spät in der Transferphase kamen noch die Offensivspieler Ravet, Kent, Kapustka und Terrazzino. Kleindienst und Kath kehrten von ihren Leihen zurück. In dieser Winterpause stieß noch Höler aus Sandhausen dazu. Der Erfolg dieser Verpflichtungen ist unterschiedlich. Kapustka und Kent schafften in dieser Saison nicht den Durchbruch. Während bei Kent die Leihe in der Winterpause vorzeitig beendet wurde, überlegt man bei Kapustka wohl noch, ob man die Kaufoption im Sommer ziehen wird.

Am ehesten wird die Offensive noch von zwei Spielern aus der letzten Saison getragen. Gerade Petersen hat sich im Spiel mit und gegen den Ball sehr gesteigert.

Haberer: 3 Tore, 3 Vorlagen, 1,2 KeyP, 1 Drb, 1,3 SpG. (24 Einsätze, konstant in allen Bereichen)
Petersen: 12 Tore, 1 Vorlage, 1,1 KeyP, 0,6 Drb, 1,9 SpG. (Einschränkung: 5 Strafstöße, 3 Tore nach Standard)

Engagiert, defensiv stabil, aber etwas glücklos könnte man die nächsten beiden Spieler bezeichnen:

Terrazzino: 0 Tore, 1 Vorlage, 1,2 KeyP, 0,3 Drb, 1,1 SpG.
Höler: 0 Tore, 0 Vorlagen, 0,3 KeyP, 1,6 Drb, 1,1 SpG. (8 Einsätze)

Ravet, der mit einer längeren Sperre, bzw. einer Verletzung zu kämpfen hatte, scheint ähnlich wie Kleindienst Potenzial zu haben, aber noch nicht ganz integriert zu sein:

Kleindienst: 0 Tore, 3 Vorlagen, 0,5 KeyP, 0,6 Drb, 1,9 SpG. (Startelf (7), Einwechslungen (6))
Ravet: 0 Tore, 2 Vorlagen, 1,7 KeyP, 0,9 Drb, 1,6 SpG. (Startelf (5), Einwechslungen (5))

Was praktisch jeder vor der Saison prognostizierte, hat sich also bewahrheitet. Die Ausnahmespieler (für SC-Verhältnisse) Grifo und Philipp konnten nicht durch Transfers innerhalb von einer Saison ersetzt werden. Mit den zusätzlichen langfristigen Ausfällen von Niederlechner, Frantz und seit der Winterpause auch Höfler, befindet man sich eigentlich in einem Worst-Case-Szenario. Dass der Sportclub mit einer Doppelsechs Abrashi/ Koch und dem Sturmtrio Höler/ Petersen/ Haberer gegen  Dortmund, Frankfurt und Leipzig fünf Tore schießen konnte, ist kaum zu glauben.

Es ist richtig das Problem in der Offensive zu benennen, was Streich auch macht. Allzu harsche Kritik ist unter Berücksichtigung der Abgänge und Verletzungen allerdings nicht angebracht.

3. Optimistischer Ausblick

Nach überstandenen Rückenproblemen, abgesessener Sperre nach der fünften gelben Karte und auskuriertem Infekt, sieht es ganz so aus, als ob Höfler für den Rest der Saison wieder einsatzbereit wäre. Auch Ravet scheint seine Probleme mit der Achillessehne überstanden zu haben. Doch nicht nur der ungewisse Blick in die Zukunft lässt auf eine Steigerung des spielerischen Niveaus hoffen, sondern auch der Blick zurück in die Hinrunde.
In den ersten acht Spielen hatte Freiburg offensichtliche Probleme. Die spät hinzugekommenen Neuzugänge waren noch nicht ins Spiel integriert (Ausnahme Terrazzino), das Auftaktprogramm war sehr schwer und die Qualifikationsspiele in der Europa-League hatten die Vorbereitung verkürzt. Das spielerische Konzept, welches gegen Hoffenheim kurz aufblitzte, schien nicht ganz aufzugehen. Dies brachte den Sportclub in eine komplizierte Ausgangslage:
8. Spieltag: 16. Platz, 7 Punkte, Tordifferenz 5 : 16.

Ab dem 9. Spieltag änderte sich die Situation allerdings und die spielerischen Elemente wurden immer deutlicher. Zu Beginn fehlte dabei noch etwas das Abschlussglück (Hannover, Berlin) und die Auswärtsschwäche war noch sehr dominant (Wolfsburg), aber mit der Zeit wurden die guten Leistungen belohnt. In den letzten fünf Spieltagen der Hinrunde schoss der Sportclub zehn Tore, konnte drei Spiele gewinnen und verlor keine einzige Partie.

Grundlage dieser guten Offensivleistungen war, dass die Abgänge und Ausfälle auf mehrere Schultern verteilt wurden. Die vorderste Reihe Petersen, Kleindienst, Ravet, (bei 4-4-2 auch Terrazzino) wurde von einer sehr spielstarken Doppelsechs Haberer/ Höfler und sehr aktiven Außenverteidigern Stenzel/ Günter unterstützt. Freiburg kam häufiger flach durch das Zentrum und hatte im letzten Drittel etwas mehr Ballkontrolle und Präzision.

In den ersten acht Spielen der Rückrunde hatte der Sportclub die Mannschaften auf Platz 1,3,4,5,6,7,11 und 14 als Gegner. In der Rückrundentabelle belegt man trotzdem den zehnten Platz mit zehn Punkten, Tordifferenz: 8 : 11.

Man hat in dieser Saison schon bewiesen, dass es ein spielerisches Potenzial gibt. Mit Gegnern auf Augenhöhe und der Rückkehr von Höfler und Ravet kann man auch durchaus optimistisch sein, dass man wieder mehr davon sehen wird. Auch, weil man auf einem defensiv stabilen Fundament aufbauen kann. Wahrscheinlich wird Streich versuchen eine gute Mischung aus dem erfolgreichen zweiten und dritten Viertel der Saison auf den Platz zu bringen. Gulde hat sich als zentraler Spieler in der Dreierkette bewährt. Auf der Doppelsechs sind alle Kombinationen der Spieler Koch, Abrashi, Höfler und Haberer denkbar, obwohl Haberer natürlich auch hinter oder neben Petersen spielen könnte. Wie sich Höler und Ravet auf der rechten Seite ergänzen werden, ist noch unklar.

Fazit: Bisher ist die Saison nach Grifo und Philipp eine gute Saison. Nach den anfänglichen Problemen spielte sich die Mannschaft besser ein, offenbarte mit der Zeit immer häufiger spielerische Elemente und rettete die Hinrunde mit einer tollen Punkteausbeute zum Schluss. Wie schwierig es für den Sportclub ist, die offensiven Abgänge und Ausfälle spielerisch zu ersetzen, zeigte sich vor allem am Saisonstart und der bisherigen Rückrunde. Tore aus dem Spiel heraus sind momentan eine Seltenheit. Die Rückkehr einiger Verletzten und das angedeutete Potenzial zum Ende der Hinrunde, lassen aber auf einen Saisonabschluss mit etwas besserem Freiburger Fußball hoffen.
Trotzdem sind erneute Ausfälle, Formschwächen, Negativspiralen nicht ausgeschlossen und der Abstieg immer noch möglich.

 

Die Statistiken stammen von:

http://www.kicker.de/
https://www.whoscored.com/
https://understat.com/

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