SC Freiburg - Bayer 04 Leverkusen 0 : 0

Wer die Fußballberichterstattung im Internet verfolgt, wird heute wahrscheinlich nicht viel Neues im Artikel finden. Matthias Sammer (zu dem mir der Hype manchmal etwas übertrieben erscheint) hatte schon in der Halbzeitpause das Freiburger Defensivkonzept sehr gut veranschaulicht und in der aktuellen Rasenfunk-Schlusskonferenz (https://rasenfunk.de/schlusskonferenz) wurden die weiteren wichtigen Aspekte dieses Spiels schon genannt. Mir bleibt also nur das Bekannte noch einmal zusammenzufassen und vielleicht etwas zu vertiefen.

1. Aufstellung und Spielanlage

Vor zwei Jahren hätte man den folgenden Satz eher nicht geschrieben: ‚Wenn Petersen ausfällt, muss sich das Trainerteam schon etwas Besonderes einfallen lassen, damit man ein vernünftiges Pressing aufziehen kann.’ In der Saison 2018/19 wundert dies keinen mehr, der sich regelmäßig mit dem SC Freiburg beschäftigt. In diesem speziellen Fall konnten Streich und Co diese Aufgabe allerdings sehr zufriedenstellend bewältigen.
Neben Petersen fehlten weiterhin Kleindienst, Abrashi, Stenzel und Ravet. Es kehrten zurück: Haberer und Kübler, bei denen man von außen nicht wirklich beurteilen kann, wie fit sie waren und Frantz schien ab der 80. Minute auch ziemlich fertig zu sein.
Betrachtete man die ganzen 90 Minuten, lässt sich der grobe Matchplan ganz gut erkennen: Zunächst ging es darum, defensive Stabilität gegen eine qualitativ hervorragende Leverkusener Offensive herzustellen, um mit zunehmender Spielzeit eigene Akzente zu setzen und damit die Gegebenheit auszunutzen, dass der Gegner am Donnerstag noch ein kräftezehrendes Spiel bestreiten musste. Deswegen sollte man die Aufstellung und das System zunächst von seiner defensiven Seite betrachten.
Zum ersten Mal in dieser Saison lief der Sportclub in einem 4-1-4-1 auf, das dem Leverkusener 4-2-3-1 entgegengestellt wurde:

-------------------Niederlechner-----------------
--------------Höfler--------Gondorf--------------
Sallai--------------------------------------Frantz
------------------------Koch------------------------
Günter-------------------------------------Kübler
--------------Heintz------------Gulde------------
------------------------Schwolow-----------------

Die ungewöhnliche Darstellung für ein 4-1-4-1 – Sallai, Höfler, Gondorf und Frantz nicht auf eine Linie zu schreiben – ist absichtlich gewählt und soll die Besonderheit der speziellen Freiburger Pressingformation gegen Leverkusen betonen. Den Rahmen dieser Spielanlage gaben einige Mannorientierungen. Sallai und Frantz kümmerten sich um die Außenverteidiger Weiser und Wendell, Günter und Kübler verfolgten die Flügel Volland und Brandt – teilweise bis in die gegnerische Hälfte. Das Herzstück der Mannorientierungen war das Duell Koch gegen Havertz, welches der Freiburger insgesamt für sich entscheiden konnte. Zieht man nun die Innenverteidiger ab, die den Stürmer Alario im Blick behielten, blieben also Höfler, Gondorf und Niederlechner, um die beiden Sechser Dragovic und Kohr zu decken und die Innenverteidiger Bender und Tah unter Druck zu setzen. Die naheliegende Lösung für dieses drei gegen vier wäre wahrscheinlich, dass Niederlechner die beiden Innenverteidiger anläuft und die Freiburger Achter die Leverkusener Sechser aus dem Spiel nehmen, doch Streich entschied sich für eine andere Variante: Höfler und Gondorf liefen die beiden Innenverteidiger an, während Niederlechner ihnen half, die Passwege ins zentrale Mittelfeld zu versperren. Wenn Dragovic sich zwischen Tah und Bender fallen ließ, standen Höfler, Gondorf und Niederlechner auf einer Linie vor diesen dreien, hatten Kohr in ihrem Rücken und mussten die Anspiele auf ihn verhindern. Blieb Dragovic im Mittelfeld, orientierte sich Niederlechner direkt an ihm, wodurch Höfler und Gondorf teilweise sogar höher positioniert waren als der Freiburger Stürmer.

Der Gegner hatte mit diesem Pressing große Probleme. Die drei Freiburger Spieler standen oft sehr eng, doch der Pass auf die Außen wurde durch die Mannorientierungen häufig verhindert. Kohr, der hinter der ersten Pressinglinie stand und eigentlich relativ viel Raum im zentralen Mittelfeld für sich hatte, konnte von Leverkusen nicht eingebunden werden. Dass der Ball nicht zu ihm kam, kann man dann entweder mit der geringen Risikobereitschaft der Leverkusener Aufbauspieler erklären, die den Ball nicht ins Zentrum spielten, oder mit der hervorragenden defensiven Arbeit von Höfler, Niederlechner und Gondorf, die gut mit ihrem Deckungsschatten arbeiteten und diese Anspiele verhinderten. (Dieses Problem wurde von Sammer thematisiert.) Schaffte es Leverkusen dann doch einmal über die Außen ins Mittelfeld zu kommen, liefen sie ziemlich ungestört durch das Mittelfeld auf den Strafraum zu. (3. Minute, Abschluss Kohr)
Im Ergebnis hatte Leverkusen in der ersten Halbzeit deutlich mehr Ballbesitz (69%), 10 Schüsse (aber keinen auf das Tor) und keine klare Chance. Defensiv war der Matchplan also relativ gut aufgegangen. Offensiv hingegen konnte der Sportclub nicht so zufrieden sein: hin und wieder brach man auf der linken Seite durch und konnte Flanken schlagen, brachte aber in 45 Minuten keinen einzigen Torschuss zustande.

2. Umstellung zur Pause

Schon in der 38. Minute musste Niederlechner verletzungsbedingt ausgewechselt werden. Er wird voraussichtlich vier bis fünf Wochen fehlen. Haberer nahm seine Position ein. Wie gesagt, offensiv war das Freiburger Spiel durchaus ausbaufähig und das ging Streich in der Pause an: Er brachte Waldschmidt für Gulde und stellte auf ein 4-4-2 um:

--------Haberer---------Waldschmidt------
Sallai------------------------------------Frantz
-------------Höfler--------Gondorf-------------
Günter----------------------------------Kübler
------------Heintz---------------Koch----------
---------------------Schwolow------------------

Defensiv baute man somit auf gewohnte Strukturen mit starkem ballorientiertem Verschieben, losen Mannorientierungen auf den Außen und im zentralen Mittelfeld. Obwohl Leverkusen auch in der zweiten Halbzeit keinen einzigen Schuss auf das Freiburger Tor abgeben konnte, wurde deutlich, dass das 4-4-2 nicht ganz so stabil war, wie das 4-1-4-1. Bei den gefährlichen Szenen waren es wieder grandiosen Rettungsaktionen von Koch in der 69. und in der 76. Minute.
Andererseits hatte die Umstellung einen sehr positiven Einfluss auf das Spiel mit dem Ball. Die Innenverteidigung Koch/ Heintz versuchte sich größtenteils spielerisch aus dem Leverkusener Pressing zu befreien und wurden dabei durch die Außenverteidiger und sehr bewegliche Mittelfeldspieler Höfler/ Gondorf unterstützt. Schaffte man es den Ball dann in die gegnerische Hälfte auf die außen zu tragen, bot sich Waldschmidt immer wieder an, um den Ball weiterzutragen oder Teil einer Kombination zu werden. Mit zunehmender Spieldauer kontrollierte der SC Freiburg immer größere Phasen der Partie. In der zweiten Halbzeit kam man insgesamt auf 55% Ballbesitz, in den letzten 15 Minuten sogar auf 62%.
Zwar konnte sich der Sportclub nicht sehr viele klare Chancen herausspielen, aber diejenigen, die es gab, waren sehr gut vorbereitet. Ich weiß, dass einige Fans nicht so zufrieden mit dem Spiel waren, doch mich persönlich begeistert zum Beispiel immer noch die Ballbesitzphase vor der großen Chance von Günter.

Die Szene begann damit, dass Leverkusen mit drei Leuten (Alario, Volland und Havertz) den kurzen Abschlag von Schwolow zustellen wollte. Höfler rückte zwischen Koch und Heintz und der Freiburger Torhüter spielte den Ball in einen kleinen freien Raum neben Höfler, welcher aber sofort unter Druck gesetzt wurde. Mit der Einbindung von Schwolow schaffte es der Sportclub sehr schnell das vier-gegen-drei auszuspielen, Höfler konnte sich drehen und den Ball durch das Zentrum zu Waldschmitd bringen. Es ging dann im gegnerischen Drittel von der halblinken Position zu Kübler, wieder zurück zur Innenverteidigung, über Höfler wieder nach vorne zu Waldschmidt, welcher Sallai anspielen konnte. Und wieder ging der Ball zurück ins Mittelfeld zu Waldschmidt, der eine kleine Kombination initiierte, die mit einer nicht optimalen Rücklage auf Sallai endete. Der Freiburger Neuzugang blieb allerdings in Ballbesitz und lief von links nach rechts, dribbelte nach vorne, wodurch er drei Leverkusener auf sich zog, und passte dann zurück auf Kübler. Dann wurde Koch angespielt. Durch die Verlagerungen und das Andribbeln hatte zum ersten sich der Gegner weit auf die rechte Seite ziehen lassen und zum zweiten Koch viel Platz, obwohl er schon recht weit in der gegnerischen Hälfte stand. Günter erkannte die Situation und lief in den Strafraum ein, konnte Kochs schönen Diagonalball aber leider nicht verwerten.

Solche Szenen sind, gerade gegen einen guten Gegner, keine Selbstverständlichkeit. Der Angriff, der vom Abschlag bis zum Abschluss flach herausgespielt wurde (Minute 71:13-72:21), obwohl man in allen Bereichen des Platzes unter Druck stand, hatte mindestens fünf Momente, in denen die Wahrscheinlichkeit eines Ballverlustes sehr hoch war. Schon beim Abschlag hätte sich Schwolow für den langen Ball entscheiden oder mit einem Fehlpass Leverkusen zum 0:1 einladen können. Höfler spielte es gut aus und Sallai erkannte zweimal, dass er die Abwehr nur andribbeln durfte und sich nicht übermotiviert gegen drei bis vier Leute festdribbeln sollte. So könnte man nun alle beteiligten Spieler durchgehen, bis zu Koch, der sich dann doch für den Risikopass entschieden hatte, da der Moment günstig war. Was ich damit deutlich machen möchte: Solche Szenen entstehen nicht siebenmal pro Spiel, wenn sich Witsel, James, Boateng, Havertz usw. nicht irgendwann doch dafür entscheiden zum SC Freiburg zu wechseln. In den allermeisten Fällen eines langen Angriffs trifft irgendein Spieler eine falsche Entscheidung, geht zu viel Risiko, lässt sich abdrängen oder macht einen technischen Fehler. Tore entstehen dann doch meistens dadurch, dass man den Ball im Gegenpressing gewinnt, Platz zum Kontern hat oder einen Standard herausspielt. Allerdings sind kontrollierte Angriffe zuträglich dafür, mehr von solchen Szenen zu provozieren.

Die zweite sehr gute Szene, in der Waldmschidt am Ende den Pfosten traf, war ebenfalls herausgespielt, hatte aber eher einen vertikalen Charakter. In der 90. Minute verzichtete Bayer 04 auf das gepflegte Spiel, positionierte einige Spieler in Freiburgs Hälfte und wählte in Person von Hradetzky den langen Ball. Diesen konnte der SC sichern, Gondorf wollte sofort umschalten, fand aber keine gute Anspielstation und passte zurück zu Schwolow. Der erkannte, dass Haberer sich rechts an der Mittellinie anbot und spielte ihn hoch an. Haberer konnte per Kopf an Gondorf weiterleiten, bekam den Ball sofort wieder, hatte viel Platz vor sich und lief bis zum Sechszehner. Seine Ablage wurde dann von Waldschmidt direkt für einen Schussversuch genutzt, welcher am Pfosten landete. Dieser Spielzug war aber nur möglich, weil Leverkusen – im Gegensatz zur ersten Szene – nicht gut abgesichert hatte.
Es blieb die letzte klare Chance und das Spiel endete Torlos.

3. Pfiffe im Stadion

Vorneweg: Ich komme nun zu dem Teil, den ich zunächst als Meinung deklariere. Ich hoffe dennoch ihn dadurch, dass ich versuche diese Meinung zu begründen, ein wenig aus der reinen Subjektivität herauszuheben. (Eigentlich gilt das für alle meine Texte auf dem Blog!)

Ausgangspunkt für diesen Teil stellen Pfiffe im Stadion dar, die in der zweiten Halbzeit vermehrt zu hören waren. Nun liegt es mir fern, Leuten zu erklären, wie sie Fußball zu schauen haben, wie sie sich im Stadion oder sonstwo verhalten sollen oder Ähnliches. Noch ferner liegt es mir, für eine bestimmte Fan-Kultur des SC Freiburg einzutreten, wenn ich doch selber weder Mitglied des Vereins, einer Fan-Gruppierung oder auch nur regelmäßiger Stadiongänger bin. Ich möchte nur erklären, warum ich die Pfiffe – ein Ausdruck der Unzufriedenheit mit dem Spiel – als übertrieben empfunden habe. Um meinen Standpunkt aber noch ein bisschen weiter zu relativieren, ein paar weiter Punkte, die dafürsprechen, Pfiffe nicht über die Maße zu dramatisieren und meine Perspektive zu erläutern:

-    Ich war nicht im Stadion, habe mich allerdings bei Leuten erkundigt, die vor Ort waren. Wenn ich behaupte, dass es in der zweiten Halbzeit Pfiffe gab, nachdem Rückpässe gespielt wurden, lehne ich mich wahrscheinlich nicht zu weit aus dem Fenster.
-    Die Pfiffe ganz zum Schluss galten wohl dem Schiedsrichter und nicht der Mannschaft. (Auch das kann ich nach diesem Spiel nicht nachzuvollziehen, ist aber ein anderes Thema.)
-    Zuschauer zahlen Eintritt (in Freiburg auch nicht zu wenig) und Pfeifen verstößt, soweit ich weiß, nicht gegen die Stadionordnung.
-    Pfiffe zu beurteilen ist generell schwierig. Um ein anderes Beispiel anzuführen, dass dies verdeutlicht: man hörte es den Pfiffen gegen Özil nicht an, ob sie Ausdruck einer differenzierten Kritik seiner aktiven Unterstützung Erdogans waren oder plumpe Ausländerfeindlichkeit.
-    Es sind knapp 24.000 Zuschauer im Stadion und die Pfiffe waren, zumindest über die Außenmikrofone, nicht gerade ohrenbetäubend.
-    Aus der Diskussion, wer und wie viele gepfiffen haben und woher im Stadion sie kamen, möchte ich mich, als jemand, der nur selten im Freiburger Stadion ist, raushalten.

Über diese Punkte hinaus möchte ich auch sagen, dass es durchaus halbwegs nachvollziehbare Gründe gibt, das Spiel gegen Leverkusen kritisch zu sehen, auch wenn ich selbst diese nicht zu stark gewichten würde. In der ersten Halbzeit schaffte es der SC Freiburg zwar defensiv stabiler zu stehen, als man es erwarten konnte, kam aber in einem Heimspiel zu keinem einzigen Abschluss und überließ Leverkusen die Kontrolle. In der zweiten Halbzeit wurde das besser aber nicht perfekt. Die zwei Szenen, die in diesem Text herausgestellt wurden, beleuchten nur einen kleinen Teil der zweiten Halbzeit. Hier hatte man insgesamt zwar mehr Ballbesitz als der Gegner, konnte im Endeffekt aber auch nur diese beiden klaren Chancen herausspielen. Und mit Sicherheit gab es Situationen, in denen Aufbauspieler einen vertikalen Ball nicht riskiert haben, den man hätte riskieren können. Soweit die Gründe, die Pfiffe rechtfertigen/ relativieren würden.
Es gab vor allem drei Gründe dafür, dass mich die Pfiffe störten:

a) Der Zeitpunkt der Pfiffe
Die erste Halbzeit war nicht unbedingt schön anzusehen, wenn man sich nicht gerade darüber freut, wie gut Höfler, Niederlechner und Gondorf die Passwege auf Kohr zustellen und Koch Havertz komplett aus dem Spiel nimmt. Mit dem wenigen eigenen Ballbesitz konnte der SC nur wenig anfangen und schlug meistens lange Bälle, die Niederlechner nur selten festmachen konnte. Interessanterweise gab es zu diesem Zeitpunkt aber keine spürbare Unruhe von den Rängen. Im Gegenteil: zum Halbzeitpfiff hörte man deutlichen Applaus. Die Pfiffe wurden erst hörbar, als der Sportclub deutlich mehr eigenen Ballbesitz hatte. Offensichtlich störten sich mehr Leute an Rückpässen, als an langen Bällen in die Hände von Hradetzky. Dies führt schnell zum zweiten Punkt.

b) Spielverständnis
Der lange Ball auf Niederlechner oder Haberer ist nur wenig erfolgversprechend. Vielleicht könnte man das mit Kleindienst (momentan verletzt) etwas besser spielen, aber auch der ist kein Sébastian Haller von Eintracht Frankfurt. Will man also Angriffe ausspielen, ist man auf einen halbwegs kontrollierten Angriff angewiesen. Solche muss man allerdings durch Ballzirkulation vorbereiten, da Bundesligamannschaften meistens sehr gut in ihrer auf den Gegner eingestellten Grundordnung stehen. Kurz: Jeder kontrollierte Angriff (also kein Konter, kein hoch-und-weit) braucht Rückpässe! Nun könnte man dagegenhalten, dass das gegen Wolfsburg und teilweise auch gegen Stuttgart aber deutlich vertikaler aussah, was einerseits richtig ist, andererseits die Spielverläufe ausblendet. Gegen Stuttgart hatte der SC eine gute erste Halbzeit, konnte offensiv aber eher in der Phase zwischen 2:3 und Platzverwies Stenzel glänzen. Hier hatte sich Stuttgart weit zurückgezogen und ließ den Freiburger Aufbauspielern Platz und Ruhe bei der Spielauslösung. Gegen Wolfsburg war es das Gegenteil. Freiburg veredelte seine erste Umschaltaktion und hatte danach durch die vielen aufgerückten Wolfsburger viel Platz zum Kontern. Gegen Leverkusen stand es durchgehend Unentschieden und beide Mannschaften mussten versuchen, eine Balance zwischen Angriff und Abwehr herzustellen. Das führt meistens eben zu einer recht kontrollierten Spielanlage, die (im Idealzustand) gleichermaßen auf Tore schießen und Tore verhindern zielt.

c) Erwartungshaltung
Dass Freiburg beim Spielstand von 0:0 Leverkusen auch zu Hause nicht an die Wand spielt, sollte eigentlich klar sein. Um sich den qualitativen Unterschied der individuellen Spieler vor Augen zu führen, reicht es, sich zu fragen, welcher Spieler der Freiburger Startaufstellung es bei Leverkusen in die erste Elf geschafft hätte. Hier könnte man vielleicht über den Torwart und eine Position im zentralen Mittelfeld sprechen, aber auch da ist wahrscheinlich viel Sympathie für die Spieler des Sportclubs dabei. Ein stabiles 0:0, bei dem der SC selbst wenige, Leverkusen aber gar keine klare Chance hatte, ist vielleicht nicht über 90 Minuten schön anzusehen, aus sportlicher Perspektive aber keine Schande. Man richtete den Matchplan darauf aus, dass Leverkusen mit der Zeit konditionelle Probleme bekommt. Das konterte Herrlich damit, dass sich seine Mannschaft in der zweiten Halbzeit mehr aufs Verteidigen und Umschalten konzentrierte. Das Ergebnis war, dass je eine Mannschaft eine Halbzeit lang leichte Vorteile hatte, das Unentschieden aber nach 90 Minuten nicht ungerechtfertigt ist. Zu einem Spiel und dessen Verlauf gehört immer auch ein Gegner, der versucht den eigenen Matchplan zu durchkreuzen. Die Freiburger Herangehensweise war in diesem Spiel aber nachvollziehbar.

Grundsätzlich: Die Bundesliga ist ein Wettbewerb mit 17 anderen Vereinen und es ist sehr unwahrscheinlich, dass eine Mannschaft dauerhaft über den Erwartungen spielt. Kurz: Überperformance ist kein Standard! Das gilt in allen Bereichen. Einen Söyüncü, Philipp, Darida, Petersen, Kruse oder Grifo mit den Mitteln des SC verpflichten zu können, ist keine Normalität. Auch mit Grifo, Philipp und Petersen ist Platz sieben keine Normalität. Wenn Freiburger Fans hörbar unzufrieden mit der Spielkultur ihrer Mannschaft sind, bei der besagter Petersen ausfällt und Niederlechner verletzt ausgewechselt werden muss, was sollen dann die Leverkusener Fans über Brandt, Bailey, Havertz und Volland nach diesem Spiel sagen? Und bei aller Wertschätzung gegenüber Christian Streich, der ein Spielsystem etabliert und weiterentwickelt hat, das die Spieler größtenteils besser macht, muss man trotzdem sehen, dass er kein Guardiola und auch kein Klopp ist und seine Co-Trainer eben Bruns und Voßler und nicht Buvac heißen. Auch Tuchel konnte mit Mainz nicht jedes Jahr eine Spielanlage austüfteln, die sofort funktioniert beziehungsweise dauerhaft hat. Für die Größe des Vereins SC Freiburg hat man einen qualitativ deutlich überdurchschnittlichen Trainer, der die Mannschaft spielerisch meistens weiter bringt, als man es erwarten könnte. Dass dies vielleicht nicht mehr ganz so deutlich wird, wie in seinen ersten beiden Saisons von Streich, liegt weniger an ihm, als an der taktischen Weiterentwicklung der Bundesliga. Gerade im defensiven Bereich, hat jeder Verein einen Plan, wie er ein Spiel angehen möchte, den die Spieler verinnerlichen. Und die Zeiten, in denen Mannschaften wie Schalke, Dortmund, Leverkusen usw. sich gegen kleinere Teams auf ihre eigene Stärke verlassen und dann nur wenig Zeit in die Spielvorbereitung stecken, sind lange vorbei. Zur Anfangszeit war Streich der einzige Trainer eines kleineren Vereins, der ein hohes Pressing spielen ließ. Das überrascht heute aber keinen mehr. Trotzdem würde ich sagen, dass es Freiburg gerade in dieser Saison geschafft hat, die spielerische Komponente wieder etwas mehr zu betonen.

Nun würde wahrscheinlich nicht jeder, der gepfiffen hat, mir in allen Punkten widersprechen und darüber hinaus fordern, dass der SC in die Champions-League muss. Doch als ich die Pfiffe hörte, hatte ich mich schon gefragt, welchen Saisonstart man denn erwartet hatte. In nur zwei von sieben Spielen (Hoffenheim und Augsburg) war der Sportclub die klar unterlegene Mannschaft, obwohl die Verletztensituation nicht unproblematisch ist. Es ist niemand gezwungen deswegen in Jubelstürme auszubrechen. Zum SC Freiburg ins Stadion zu gehen, wenn ein Europa-League-Teilnehmer zu Gast ist und bei einem 0:0 zu pfeifen, scheint mir allerdings mit einer sehr übertriebenen Erwartungshaltung zusammenzuhängen. Oder die Leute meckern einfach lieber, als sich über Fußball zu freuen. Dann wird man aber wahrscheinlich selten Spaß bei Spielen des Sportclubs haben.

 

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