VfL Wolfsburg - SC Freiburg 1 : 3

Zwei gute Heimspiele und ein ordentliches Auswärtsspiel brachten aufgrund von einzelnen fehlerhaften Szenen nur einen Punkt. Beim vierten Spieltag klappte es dann endlich mit dem ersten Saisonsieg, der gerade durch das verbesserte Pressing und gute Konter nicht unverdient war.

1. Aufstellung und Spielanlage

Freiburg begann im typischen 4-4-2, musste allerdings personell rotieren. Kübler ersetzte den gesperrten Stenzel, Koch kam für den angeschlagenen Haberer und Sallai spielte anstatt Gondorf (Infekt). Zudem brachte Streich Terrazzino für Niederlechner, der sich in seiner neuen Rolle als hängende Spitze noch nicht optimal eingefunden hat.

--------Petersen-----Terrazzino------
Sallai------------------------------Frantz
-------------Höfler-----Koch-------------
Günter----------------------------Kübler
------------Heintz-------Gulde----------
-----------------Schwolow---------------

Gerade die erzwungenen Umstellungen auf der Rechtsverteidigerposition und im zentralen Mittelfeld bedeuteten, dass der Sportclub mehr Ballsicherheit gegen defensive Zweikampfstärke eintauschen musste. Dazu passte auch die leicht angepasste Spielanlage.

Freiburg ging in diesem Spiel deutlich früher ins Pressing als bisher in der Saison, was nicht ganz ohne Risiko war. Durch das 4-3-3 hatte Wolfsburg im zentralen Mittelfeld eine Überzahl. Um das abzudecken, brauchte es ein gutes Zusammenspiel des Doppelsturms, die mit ihrem Deckungsschatten den Passweg zum Sechser schließen mussten und dem zentralen Mittelfeld, die auf zurückfallende Achter aufpassten. Unterstützt wurden diese Akteure insbesondere von Mike Frantz, der sich nicht nur auf den Außenverteidiger konzentrierte, sondern manchmal bei seinem Außenverteidiger blieb und manchmal mehr ins Zentrum einrückte. Effektiv hatte der Sportclub meist drei Angreifer in der vordersten Pressingreihe, da Sallai und Frantz pendelnd aufrückten. Man konnte die Wolfsburger Aufbauspieler gut unter Druck setzen und hatte trotzdem meistens den Weg durch das Zentrum gesperrt.
Es gab nur zwei Phasen im Spiel, in denen der Gegner Freiburg länger an den eigenen Strafraum zurückdrängen konnte: kurz vor der Pause und vor dem Gegentor.

Mit dem Ball spielte der Sportclub deutlich direkter nach vorne als zuletzt, wodurch es allerdings auch weniger Ballbesitzphasen gab. Abschläge wurde nur selten kurz ausgeführt und auch nach Ballgewinn ging es schnell in Richtung letztes Drittel.

Die Kombination aus hohem Pressing und Schnellangriffen muss nicht unbedingt aufgehen, wurde in diesem Fall aber schlicht und einfach sehr gut ausgeführt. Dominant war man aufgrund der griffigen Vorwärtsverteidigung, da man es schaffte den Gegner in bestimmte Zonen zu drängen und die Torgefährlichkeit kam durch Ballgewinne und schnellem, sauberem Umschaltspiel. Dass man das über 90 Minuten durchziehen konnte, hatte nicht nur mit einer konzentrierten Leistung, sondern auch mit dem Spielverlauf zu tun.

2. Spielverlauf und Umstellung

Pressing und Umschaltspiel sind die Herangehensweisen eines Teams, das mit dem aktuellen Spielstand recht zufrieden ist. Das frühe Führungstor mit dem ersten richtigen Angriff war also sehr vorteilhaft, um diese Spielweise beibehalten zu können. Trotzdem war es sehr interessant zu beobachten, dass man sich auch durch die vielen Änderungen, nicht hat aus dem Konzept bringen lassen.
Die verletzungsbedingte Auswechslung Sallais hatte gewisse Verschiebungen zur Folge. Terrazzino rückte auf den linken Flügel und Waldschmidt nahm die Position neben, bzw. hinter, bzw. um Petersen herum ein. Dies hatte keinen merklichen negativen Einfluss auf das Spiel. Und auch Labbadias Umstellung zur Pause auf ein 4-4-2 mit Raute brachte den Wolfsburgern keine größeren Vorteile, auch weil Heintz gefühlt 90% der Halbfeldflanken auf die beiden großen Stürmer klären konnte. Außerdem wurden die Konter vom SC in der zweiten Halbzeit fast noch besser ausgespielt als zuvor. Beim dritten Tor konnten sich Petersen, Waldschmidt und Frantz durch fünf Gegenspieler kombinieren und bei der großen Niederlechner-Chance schafften es Waldschmidt und Niederlechner sogar zu zweit gegen vier Wolfsburger von der Mittellinie bis zum Strafraum. Laufwege und Pässe wirkten sehr flüssig und sicher. Nach dem 3:1 stellte Streich dann final auf ein 5-3-2, um für noch mehr defensive Stabilität zu sorgen. Auch das brachte keine Unordnung, sondern den gewünschten Effekt und schlussendlich das Ergebnis über die Zeit.

3. Fazit

Abschließende Bewertungen sind immer schwierig, da sie einem von beiden Seiten um die Ohren fliegen können. Ein relativ souveränes und verdientes 1:3 auswärts gegen gut gestartete Wolfsburger sollte man allerdings würdigen, gerade wenn man die unglücklichen Abwehrsituationen der letzten Spiele und die hinzukommenden Ausfälle bedenkt. Der Einstand von Sallai – in 40 Minuten ein Tor geschossen, einen Strafstoß rausgeholt und defensiv eingefügt – war ebenfalls nicht zu erwarten. Positiv, aber auch mit einer gewissen Vorsicht für die Zukunft, ist anzumerken, dass auch alles sehr gut funktioniert hat. Das hohe Pressing wurde nicht dauerhaft von Wolfsburg ausgespielt und die gefährlichen Freiburger Umschaltsituationen flößten dem Gegner Respekt ein. Es lag selbstverständlich an Kleinigkeiten, dass die circa sieben Pässe bei den beiden gefährlichen Kontern in der 2. Halbzeit zu Ende gespielt werden konnten und nicht in der Mitte stecken blieben. Ob sich das stabilisieren lässt, wird man in den nächsten Spielen sehen, falls man hin und wieder in Führung gehen kann. Falls man aber doch öfters in Rückstand geraten sollte, muss sich zeigen, wie gut der SC Freiburg auch mit mehr Ballbesitz defensiv stabil stehen und gleichzeitig offensiv gefährlich sein kann. Ansätze dafür hat man gegen Stuttgart beobachten können.
Das Spiel ist also sehr positiv zu bewerten, auch wenn es nicht so viel über das kontrollierte Ballbesitzspiel Freiburgs aussagt, was für eine Mannschaft, die gegen den Abstieg spielt, aber vielleicht auch nicht der allerwichtigste Aspekt ist. (Ich entschuldige mich bei allen Fußballästheten für den letzten Halbsatz.)

4. Randnotiz Statistik

Wer ohnehin der Meinung ist, dass Statistiken uninteressant sind, kann diesen Teil überspringen. Ich schreibe ihn nur, da dieses Spiel ein hervorragendes Beispiel für die hohe Aussagekraft des Expected-Goal-Werts darstellte, also grob zusammengefasst: die Addition aller Torwahrscheinlichkeiten der einzelnen Schüsse.
Bsp.: Ein Team gibt drei Schüsse in einem Spiel ab. Einen mit der Torwahrscheinlichkeit von 13%, einen mit 8% und einen mit 23%. Dies ergibt die drei Einzelwerte 0,13, 0,08 und 0,23. Insgesamt hat das Team dann einen Expected-Goal-Wert von 0,44. (Wer sich an das 40-Meter-Tor von Petersen gegen Dortmund erinnert – dieser Schuss hatte einen Wert von 0,01, ein Elfmeter hat den Wert von 0,76.)

In diesem Spiel war Wolfsburg in fast allen statistischen Belangen dem SC Freiburg überlegen: 73% Ballbesitz, 62% gewonnene Zweikämpfe, 19:11 Torschüsse, 9:8 Schüsse auf das Tor, 12:17 Fouls, usw. Nur in der Expected-Goal-Statistik hatte Freiburg klar die Nase vorne: 0,83:2,27.

Nimmt man alle Statistiken und die Zeitpunkte der Tore zusammen, kann man sich in etwa vorstellen, wie das Spiel gelaufen ist, auch ohne es gesehen zu haben: ein frühes Tor, Wolfsburg ist zum Ballbesitz gezwungen und macht es auch nicht ganz schlecht. Sie kommen zu einigen Abschlüssen, aber offensichtlich nicht aus guten Position. Freiburg kann kontern und ist damit auch deutlich gefährlicher als die Wolfsburger.

Wenn man die Spielweise einer Mannschaft verstehen möchte, rate ich aber trotzdem jedem, sich die Spiele anzusehen, da Statistiken eigentlich nie mehr als prüfendes und unterstützendes Element bei der Bewertung von Spielen oder Spielern sein können.

Expected-Goal-Werte habe ich von https://understat.com/.

 

Nachtrag: Das neue Design der Seite ist keine Absicht. Ich kümmere mich darum.

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