Vorschau: SC Freiburg - Bayer 04 Leverkusen

1. Allgemeines

Am Sonntag, um 13:30 Uhr, empfängt der SC Freiburg Bayer 04 Leverkusen. Erinnert man sich an die beiden Begegnungen der letzten Saison, so hat man zwei sehr unterschiedliche Spiele vor Augen. Das Hinspiel in Leverkusen verlor der Sportclub hochverdient mit 0:4. Trotz einer recht kompakten Defensivformation der Freiburger konnte sich der Gegner damals mühelos durch das Zentrum kombinieren und zahllose Torchancen herausspielen. Im Rückspiel hingegen schien der SC eine Reaktion zeigen zu wollen, wählte eine sehr körperliche Spielweise, was insbesondere Wendell zu spüren bekam, und konnte sich damit einen Punkt sichern. Dass das Spiel am Wochenende mindestens noch mehr potenzielle Varianten als diese bereithält, zeigt ein kurzer Blick auf den Gegner.

2. Herrlichs offensives Risikospiel

Die Situation in Leverkusen scheint leicht angespannt zu sein. Nach nur sechs Spieltagen in der Bundesliga gibt es kleinere Diskussionen über einen Trainer, der mit der Mannschaft in der Saison zuvor nur sehr knapp die Champion-League verpasste. Sicherlich erfüllen sechs Punkte nach sechs Spielen nicht die Leverkusener Erwartungen, man sollte aber auch nicht ausblenden, dass sie bei zwei der sechs Spiele Dortmund und Bayern als Gegner hatten. Die Situation ist also nicht ganz so dramatisch, wie sie teilweise dargestellt wird.

Allerdings ist Herrlichs Ansatz Fußball spielen zu lassen durchaus speziell, gerade in einer Liga, die den Fokus größtenteils auf defensive Stabilität legt. Man könnte sagen: Herrlichs Leverkusen ist das Gegenteil davon. Gegen den Ball spielen sie phasenweise ein absurd hohes Pressing und rücken dann situativ mit vier bis fünf Spielern bis an den gegnerischen Strafraum vor. Dies öffnet Räume im Mittelfeld. Tobias Escher hat dies vergangen Montag bei „Bohndesliga“ grafisch veranschaulicht und erklärt: https://www.youtube.com/watch?v=GNEZpn1t86g (ab ca. Minute 11)

Doch auch mit dem Ball wählt Herrlich einen sehr aktiven Ansatz. Dies äußert sich zunächst in einer hohen Anzahl an Spielern, die sich vor dem Ball positionieren. Die spielstarken Außenverteidiger Wendell und Weiser rücken regelmäßig weit auf und auch die Sechser sichern weniger ab als bei vielen anderen Mannschaften. Abgerundet wird dieser Ansatz der hohen Positionierungen noch durch sehr riskante Dribblings und Pässe im Mittelfeld, die meistens auch den entscheidenden Punkt darstellen, ob diese Herangehensweise funktioniert oder nicht. Verliert Leverkusen dort den Ball öffnen sich für den Gegner zumeist verschiedene Räume und die Restverteidigung ist für ein paar Sekunden auf sich allein gestellt. Kommen die Risikopässe an, beziehungsweise ist das Dribbling erfolgreich, laufen die Leverkusener Angreifer mit einem enormen Tempo auf die Verteidiger zu und spielen die Situation aus. Es liegt also häufig am Ausgang dieser kurzen Duelle, ob Leverkusen eine große Chance erspielt oder zulässt.
Das Interessante am Leverkusener Spiel ist, dass sie diesen Ansatz auch nach einer Führung beibehalten. Dies erinnert auch an die Zeiten von Roger Schmidt, in der sie ebenfalls nicht die Fähigkeit entwickeln konnte, eine Führung sicher über die Zeit zu bringen, sondern das risikoreiche Pressing über 90 Minuten durchziehen wollten. Prinzipiell ist dieser Ansatz für Liebhaber einer aktiven Spielweise sehr sympathisch, kann die eigenen Anhänger aber auch häufiger verzweifeln lassen, da die Spiele in jeder Phase in eine andere Richtung kippen können, was man gegen Dortmund gut beobachten konnte.

Genau deswegen ist es auch so schwierig vorherzusagen, wie das Spiel am Sonntag aussehen wird. Greift das Leverkusener Pressing und funktioniert ihr riskantes Spiel im Mittelfeld, sind sie durch ihre hohe individuelle Qualität im Sturm immer in der Lage auch vier bis fünf Tore in einem Spiel zu erzielen. Kommt Freiburg hingegen in die Räume hinter den aufgerückten Spielern und spielt Schnellangriffe sauber aus, kann dies für den SC auch ähnlich gut laufen, wie gegen Wolfsburg.
Dem SC Freiburg kommt sicher entgegen, dass Leverkusen erst am Donnerstag noch in der Europa-League gegen AEK Larnaka spielen musste und auch ihr Schlüsselspieler Kai Havertz 70 Minuten auf dem Feld stand. Die intensive und offensive Herangehensweise Leverkusens, verträgt sich nicht unbedingt mit einer Doppelbelastung, gerade bei einem Trainer, der den Drei-Tages-Rhythmus nicht gewöhnt ist.
Es wird auf jeden Fall spannend zu beobachten sein, ob und wie Leverkusen sein risikoreiches Spiel im Breisgau durchbringen kann und was die Freiburger dem entgegenstellen.

3. Freiburger Personalspielchen

Beim Sportclub ändert sich die Verletztensituation momentan von Spiel zu Spiel, wodurch sich auch keine richtige Stammelf herausbilden kann. Am Sonntag werden Stenzel, Ravet und Kleindienst ausfallen. Kübler und Haberer sind allerdings wieder eine Option für die Startformation. Die Wahrscheinlichkeit, dass Petersen nach seiner Schultereckgelenkprellung auf dem Platz stehen kann, wurde von Streich auf der Pressekonferenz auf 25% geschätzt. Waldschmidt und Frantz haben wohl noch kleinere Blessuren.

Die Aufgabe gegen Leverkusen bietet Chancen, ist aber auch anspruchsvoll. Wie immer stellt sich die Frage nach der Balance. Man muss aktiv genug sein, um sich nicht dauerhaft an den eigenen Sechzehner drängen zu lassen, darf allerdings auch nicht zu viele Räume für die Leverkusener Angreifer lassen. Streich wird sich wahrscheinlich überlegen, wie man es verhindern kann, dass die Außenverteidiger zu häufig in 1-gegen-1-Duelle mit Bailey und Brandt gezwungen werden. Dies könnte man einerseits klassisch mit intensiv zurückarbeitenden offensiven Außen bewerkstelligen oder doch mal von Anfang an auf eine Dreierkette setzen, damit die Außenverteidiger hinter sich noch eine Absicherung haben. Der Gedanke ist deshalb nicht ganz abwegig, da Streich auf der Pressekonferenz überlegte, ob eine Dreierkette gegen Augsburg von Beginn an vielleicht die bessere Wahl gewesen wäre. (Er fügte allerdings hinzu, dass es bei den Chancen in der ersten Halbzeit eher an den verlorenen Zweikämpfen als am System lag.) Andererseits müsste man für die Dreierkette auch einen Stürmer auf der Bank lassen, der wiederum das Aufbauspiel des Gegners stören könnte.

Die Frage nach dem System hängt auch davon ab, wie fit welche Spieler sind. Kübler würde wohl eher für ein 4-4-2 sprechen, Frantz hingegen kann den Flügelläufer im 5-2-3 besser ausfüllen. Haberer könnte im 5-2-3 besser aus dem Mittelfeld vorne in den Angriff aufrücken und Koch wiederum aus dem Mittelfeld eine Viererkette unterstützen. Mit Petersen erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass Streich einen mutigen Ansatz wählt und tatsächlich versucht, Leverkusen gar nicht erst aus der eigenen Hälfte aufbauen zu lassen: hohes Pressing im 4-4-2 mit Niederlechner und Petersen, ohne Petersen wäre es möglich zu versuchen, lange ein 0:0 zu halten, um dann in der zweiten Halbzeit mit Waldschmidt und Gondorf gegen ein müdes Leverkusen das Spiel für sich zu entscheiden. Aufgrund dieser vielen Variablen ergibt es keinen Sinn, eine Startformation zu prognostizieren.

Die letzte offene Frage betrifft Freiburgs Herangehensweise beim Spiel mit dem Ball. In den Heimspielen dieser Saison versuchte der Sportclub etwas kontrollierter aufzubauen als letzte Saison, um dann mit gezielten diagonalen Pässen das Spiel zu verlagern. Dies würde einerseits ein hohes Risiko gegen die aggressiv pressenden Leverkusener darstellen, andererseits wäre es – falls es funktionieren sollte – ein recht effektives Mittel, um die Leverkusener nach vorne zu locken und dann die Räume hinter der Pressinglinie zu bespielen. Im Rückspiel der letzten Saison verzichtete man auf gepflegten Spielaufbau, konzentrierte sich auf die Arbeit gegen den Ball, spielte viele lange Pässe und ging auf den zweiten Ball.

4. Fazit

Das Spiel ist nur schwer vorherzusehen. Man kann sich denken, was Leverkusen wahrscheinlich versuchen, aber nicht vorhersehen, ob es funktionieren wird. Hinzu kommt die schwierige Personalsituation beim Sportclub, die es fast unmöglich macht, darüber zu spekulieren, welche Aufstellung und welches System Streich wählen wird. Viel hängt dabei vom genauen Fitnesszustand verschiedener Spieler ab. Andererseits gehört Bayer Leverkusen zurzeit sicher zu den spannendsten Mannschaften der Liga, da sie über einen herausragenden und sehr talentierten Kader verfügen, diese Qualität auch offensiv auf den Platz bringen, allerdings ihr Spiel nicht stabilisieren können. Dies zeigen insbesondere die 13 Gegentore, womit sie gemeinsam mit dem SC Freiburg die meisten der Bundesliga kassiert haben. Es verspricht also ein spannendes Spiel zu werden, dass selbst bei einem Zwei-Tore-Rückstand – egal von welcher der beiden Mannschaften – noch gedreht werden könnte…

(Einschränkung: … außer der SC konzentriert sich doch größtenteils auf die Arbeit gegen den Ball, verwickelt Leverkusen in aufreibende Zweikämpfe, lässt keinen Spielfluss zu und schlägt viele lange Bälle – also wie beim Rückspiel in der letzten Saison.)
Ich denke, ich habe einige Möglichkeiten abgedeckt.

 

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